In einem anonymen Beitrag im Netz beschreibt eine Aushilfskraft in einem Sortierzentrum ihre Arbeit, zu der es gehört, Briefe und Pakete herauszunehmen, auf denen zu wenig Porto klebt, und sie erzählt, dass sie diese Regel ungleich anwendet.
Story
Eine Aushilfskraft in einem Sortierzentrum lässt zu knapp frankierte Post von Menschen in Not durchgehen und nimmt die Briefe großer Unternehmen konsequent heraus, und sie nennt das Robin Hood. Der Fall zeigt, wie Verantwortungsbereitschaft aussieht, wenn niemand sie beauftragt und niemand sie wertschätzt, und was Organisationen daraus über ihre ungeregelten Spielräume lernen können.
In einem anonymen Beitrag im Netz beschreibt eine Aushilfskraft in einem Sortierzentrum ihre Arbeit, zu der es gehört, Briefe und Pakete herauszunehmen, auf denen zu wenig Porto klebt, und sie erzählt, dass sie diese Regel ungleich anwendet.
Sendungen, die offensichtlich von Menschen in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage stammen und die sie zum Beispiel daran erkennt, dass sie an soziale Einrichtungen adressiert sind, lässt sie durchgehen, während sie die Umschläge großer Unternehmen mit zu wenig Porto ausnahmslos aussortiert. Nach ihrer eigenen Rechnung entsteht dem Arbeitgeber dadurch ein Schaden von etwa zwanzig Euro am Tag, und sie fühlt sich dabei wie Robin Hood, weil sie Menschen unnötigen Stress erspart und sich zugleich für schlechte Arbeitsbedingungen und respektlose Vorgesetzte revanchiert.
Die Reaktionen darunter fallen überwiegend zustimmend aus, und mehrere Kommentierende raten ihr, einfach weiterzumachen und es um keinen Preis jemandem zu erzählen. Nur eine Stimme wendet ein, der Vergleich mit Robin Hood sei gewagt, weil hier schließlich kein Leben auf dem Spiel stehe, und an diesem Einwand lässt sich einiges klären, was sich mit der Frage nach Gut und Böse allein nicht klären lässt.
Der Spielraum war nie vergeben, also hat ihn sich jemand genommen.
Auf den ersten Blick bringt die Aushilfskraft alles mit, was Führungskräfte sich von ihren Mitarbeitenden wünschen, denn sie schaut genau hin, sie entscheidet selbst, sie hat ein Anliegen, das über die eigene Aufgabe hinausgeht, und sie trägt etwas für andere. Wer Ownership an sichtbarem Verhalten misst, würde sie vermutlich als Beispiel nennen, und genau an dieser Stelle wird die Geschichte unbequem.
Ownership im Sinne von Wollen, Können und Trauen setzt nämlich voraus, dass jemand für ein Ergebnis einsteht, das ihm übertragen wurde, und dass er damit offen umgehen kann. Die Aushilfskraft steht für ein Ergebnis ein, das niemand von ihr verlangt hat, nämlich dass Menschen in Not nicht auch noch Nachzahlungen leisten, und sie tut es verdeckt, mit der ausdrücklichen Absicht, dass der Arbeitgeber es nicht bemerkt. Die Verantwortungsbereitschaft ist also vorhanden, sie hängt nur an keinem Auftrag und an keinem Rückhalt.
Das ist kein Zufall, sondern ein Muster, das in vielen Organisationen auftritt, denn wo der Auftrag eng gefasst ist und die Wertschätzung fehlt, sucht sich die Verantwortungsbereitschaft ein anderes Ziel, und dieses Ziel liegt dann nicht mehr dort, wo die Organisation es braucht.

Aussortieren heißt prüfen, und Prüfen heißt urteilen, doch niemand hat der Aushilfskraft gesagt, wie weit dieses Urteil reicht und ob es Fälle gibt, in denen sie eine Regel mit Augenmaß anwenden darf. In diese Lücke ist sie hineingegangen, und solche Lücken gibt es in jeder Organisation, auch wenn sie selten so deutlich zutage treten. Sie stecken in der Frage, welche Anfrage zuerst bearbeitet wird, welcher Fehler kulant behandelt wird und welche Mail weitergeleitet wird oder liegen bleibt, und sie sind umso größer, je mehr Menschen allein arbeiten. Solange niemand sie benennt, werden sie nach der Moral der jeweiligen Person gefüllt, und das kann zu Entscheidungen führen, die man nachvollziehen kann und trotzdem nicht gewollt hat.
Das Können ist vorhanden, denn die Aushilfskraft erkennt sehr genau, wer sich eine Nachzahlung leisten kann und wer nicht, und sie hat genug Erfahrung mit ihrer Aufgabe, um zu wissen, was sie tut. Auch das Wollen ist da, es richtet sich nur auf die Menschen am Ende der Briefe und nicht mehr auf den Arbeitgeber, weil dieser ihr nach eigener Darstellung keinen Grund dazu gibt.
Die Lücke liegt beim Trauen, und zwar in beide Richtungen. Die Organisation hat der Person erkennbar nichts zugetraut, was sich an den schlechten Bedingungen und dem fehlenden Respekt ablesen lässt, und die Person traut sich umgekehrt nicht, ihren Ermessensspielraum offen zu nutzen, weil sie damit rechnet, dass er ihr genommen würde. Dass mehrere Kommentierende empfehlen, es niemandem zu sagen, bestätigt diese Rechnung, denn wer ein Handeln für richtig hält und es trotzdem verbergen muss, hat die Frage, ob es sicher ist, längst beantwortet.

Wollen entsteht selten aus dem Nichts, es hängt an Sinn und Anerkennung, und wenn beides ausbleibt, verschwindet es nicht, sondern sucht sich ein neues Ziel. Respektlose Vorgesetzte und schlechte Bedingungen sind in dieser Geschichte der Auslöser, und das Ziel, das sich die Energie dann sucht, ist der Ausgleich, denn man schadet dem, der einem nichts gibt, und hilft denen, die einem nichts getan haben. Das fühlt sich gut an, weil es Handlungsfähigkeit zurückgibt, wo vorher Ohnmacht war, und deshalb ist die Rache hier weniger Bosheit als eine Antwort auf fehlende Wertschätzung. Für die Organisation ändert das wenig, denn der Schaden entsteht trotzdem, nur wird er von einer Person verursacht, die ursprünglich bereit war, mehr zu geben.
Zuerst heißt es, dass der Spielraum existiert, ob Führung ihn regelt oder nicht, und dass sich immer jemand findet, der ihn füllt. Die Frage lautet daher nicht, ob Mitarbeitende Ermessen ausüben, sondern nach welchen Maßstäben sie es tun und ob diese Maßstäbe etwas mit dem Zweck der Arbeit zu tun haben. Wo niemand sagt, in welchen Fällen Augenmaß erwünscht ist, entscheidet am Ende die private Moral, und die kann ebenso gut Menschen in Not entlasten wie jemandem eine Rechnung zuschieben.
Zweitens lohnt der Blick auf den Beifall. Dass so viele Fremde der Aushilfskraft für ihr Verhalten Zuspruch geben, ist eine Information, denn offenbar finden viele Menschen, dass die Regel in diesen Fällen ihren Zweck verfehlt, und genau das hätte die Organisation gern von innen erfahren, statt es am Schaden abzulesen. Wer heimlich handelt, bekommt Zustimmung von Unbekannten und nie von der eigenen Führung, und damit geht dem Unternehmen ein Hinweis verloren, den es dringend brauchen könnte.
Drittens wirkt Wertschätzung nicht nur auf die Stimmung, sondern auf die Richtung der Energie. Wer erlebt, dass seine Beobachtungen willkommen sind, bringt sie ein, und wer erlebt, dass sie nichts zählen, behält sie für sich oder setzt sie nach eigenem Gutdünken um.
Ich würde die beiden unterscheiden, ohne die Aushilfskraft damit zu bewerten, denn ihr Anliegen ist nachvollziehbar und ihre Lage ebenfalls. Ownership heißt für mich, für ein Ergebnis einzustehen, das einem übertragen wurde, und die eigenen Entscheidungen offen zu vertreten, auch wenn sie unbequem sind. Eigenmächtigkeit beginnt dort, wo jemand Entscheidungen trifft, die er vor den Zuständigen nicht vertreten würde, und das Verbergen ist ihr Erkennungszeichen.
Der Einwand, hier stehe kein Leben auf dem Spiel, trifft deshalb weniger die Moral als die Struktur, denn ob ein Anliegen groß genug ist, um eine Regel zu beugen, muss jemand entscheiden, der dafür zuständig ist. Der Vergleich mit Robin Hood ist damit nicht falsch, aber unvollständig, weil zur Erzählung gehört, dass er die Folgen seiner Taten offen trägt, während sie hier verborgen bleiben, und genau darin liegt der Unterschied zwischen einer Tat und Ownership. Beides kann aus Mitgefühl entstehen, doch nur das eine lässt sich von anderen mittragen.
Ein einfacher Test lautet, ob die Person ihr Handeln der eigenen Führungskraft erzählen würde, und die Antwort steht im Fall bereits im Beitrag. Das Verhängnisvolle daran ist, dass jemand, der sich einen Spielraum heimlich nimmt, ihn nie offen bekommen kann, weil die Frage, ob er ihm zusteht, nie gestellt wurde. Der Ausweg liegt deshalb nicht in mehr Kontrolle, die das Verbergen nur verstärken würde, sondern in einem Gespräch darüber, wo Augenmaß gewünscht ist, mit klaren Grenzen und einer Person, die dafür geradesteht.
Wer das für den eigenen Bereich prüfen möchte, kann mit wenigen Fragen beginnen.
Wer Spielräume ausdrücklich vergibt, bekommt die Verantwortung, die ohnehin da ist, offen zurück.
Das Assessment vergleicht Ihre Organisation mit anderen und liefert konkrete Empfehlungen, nicht nur eine Diagnose.
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